Produktionen, die meine fotografische Arbeit ergänzen
Berlin Comedian Harmonists gastieren im tit mit dem Programm „Über den Wolken“


Tja – das war’s dann erstmal wieder mit Kultur und Kneipe. Im theater itzehoe wird aber immerhin ein wunderschöner Abgesang geboten: Die „Berlin Comedian Harmonists“ liefern einen wunderschönen Bühnennachmittag ab und dabei ganz nebenbei ihr erstes Konzert seit dem Lockdown im März und ihr letztes vor dessen Fortsetzung im November.

Das Haus ist mit 144 Besuchern bis auf den letzten coronasicheren Platz gefüllt. Tenor Holger Off stimmt auf einen heiteren bis etwas besinnlichen Nachmittag ein. Und das geht auf, die sechs Musiker präsentieren sich stilsicher und in absoluter Perfektion. Die Beleuchtung insgesamt dezent und farbig auf dem Hintergrund, Frisur und Frack samt nötigem Zubehör makellos.

Natürlich geben sie die alten Klassiker zum Besten, „Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, meine Herz läßt Dich grüßen“ oder „Veronika, der Lenz ist da“. Aber da geht mehr, die A-Capella-Interpretationen moderner Schlager funktionieren wunderbar, über Michael Jackson und Nena bis zum Udo-Jürgens-Hit „Und immer wieder geht die Sonne auf“, quasi als Hoffnungsschimmer für die Zeit nach dem Virus. Wie schon 1932 die Comedian Harmonists präsentieren sie eine wunderschöne Fassung von Eichendorffs Gedicht „In einem Kühlen Grunde“ und „Über den Wolken“ von Reinhard Mey, das Titelstück des Abends, lässt die Zuhörer wirklich schweben.

Aufgelockert wird die Songfolge durch kleine Erzählungen der Sänger: Da geht es beispielsweise um das innige Zusammenleben mit einen Saugroboter. Fazit: „Im Grunde ist das Leben ein Kampf gegen die Unordnung, den wir am Ende verlieren – Asche zu Asche, Staub zu Staub!“

Fazit: Kein Härchen in der Suppe, nicht mal ein Staubkorn. Die Jungs sind ganz breit aufgestellt, absolut professionell, voller Spielwitz und guter Laune. Nach drei Zugaben und jeder Menge Applaus gibt’s allerdings nicht das zum Schluss übliche Anfassen im Foyer. Das hat das Virus gefressen. Stattdessen einen Hinweis auf die Email-Adresse.

Stimmen zum Spiel:

„Wir kommen aus Husum und sind das erste Mal hier im Theater und müssen erstmal sehen, wie sich das hier abspielt. Ansonsten finde ich es sehr schade, aber ich kann auch verstehen, dass man jetzt versucht, es wieder ein bisschen herunter zu fahren. Die Schliessungen sind überzogen, weil es überzeugende Sicherheitskonzepte gibt. Uns geht es um die Betreiber, die jetzt schon mit dem Rücken zur Wand stehen. Die allgemeinen Maßnahmen befürworten wir, aber es fehlt die Differenzierung. Hier im Theater habe ich kein schlechtes Gefühl, mich anzustecken.“
Birgit Lehr aus Husum


„Ich finde die Einschränkungen grundsätzlich in Ordnung, sie sind absolut notwendig. Ich hoffe, dass die zugesagten Hilfen dieses Mal besser verteilt werden. Wir müssen die Kultur in diesen Zeiten unterstützen, weil uns sonst eine Menge verloren geht. Die Schliessungen sollten nur kurzfristig über einen Zeitraum laufen und immer auf die aktuellen Fallzahlen schauen. Genauso bei Restaurants und Hotels. Ich finde die Massnahmen nicht angemessen, weil die nicht die Auslöser waren, sondern der private Bereich.“
Dirk Kawald aus Itzehoe


„Die Schliessungen sind bei der steigenden Zahl der Infektionen sicher vernünftig. Andererseits hören wir von ganz vielen Kunden, dass sie sich hier sicher aufgehoben fühlen und das wir ein stimmiges Hygienekonzept haben. Und wenn sich die ganzen Treffen nun ins Private verlagern, weiss man nicht, was das für die Infektionszahlen bedeutet. Für uns ist es finanziell sowieso eine Katastrophe. Es ist aber auch moralisch sehr deprimierend: Man arbeitet wie verrückt, Termine umzulegen, alles zu machen, dass man irgendwie veranstalten kann. Immer wenn man denkt, man hat es in Sack und Tüten, kommt der nächste Schlag ins Kontor.“
Ulrike Schanko, Theaterchefin


„Die Leute sind sehr traurig, dass wir wieder zumachen müssen, weil es mit unserem Hygienekonzept ja gut funktioniert. Wir hatte ganz viele Telefonate, die Leute wollen, aber dürfen nicht. Ich bin ganz traurig, dass das heute die letzte Kasse ist, es ist schon schwer im Moment.“
Sandra Nebendahl, Theaterkasse




De duppelte Jochen (platt mit „u“) der Itzehoer Speeldeel

Geld ist der Motor der Welt, selbst auf dem platten Land. Ein fälliger Kredit bringt auch dort Bewegung in Ehen und Freundschaften. Der nette Plot: Ehemann Peter muss Grund und Boden verhökern, um über die Runden zu kommen. Dösig nur, dass sein Zwillingsbruder mit im Grundbuch steht. Der aber weilt seit Jahren in Argentinien.

Also hat Peter einen Plan: Er verschwindet für gewisse Zeit zur Selbstfindung in einer Waldhütte und mimt währenddessen vor seiner Frau seinen Bruder Peter, der zum Besuch aus Südamerika anreist. Also können zwei Brüder alle Dokumente unterschreiben. Was Peter nicht weiß: Seine Frau Lisa hat seinen Bruder Jochen justament eingeladen hat, um die Verträge rechtsgültig zu machen.

Rainer Tietz in der Doppelrolle Peter und Jochen, trotz des ständigen Umziehens sehr gut im Timing, und Brigitte Ohm als schlagkräftige Gattin spielen mit Spaß und überzeugendem Einsatz. Ebenso engagiert begleitet werden sie von Johann Trede als Peters Kumpel und Geldgeber, Doris Dammann als Krimiautorin und Anna-Lena Aul als zum Schluss gründlich verwirrte Notarin.

Die Itzehoer Speeldeel bringt Jürgen Baumgartens Stück in ihrer 100. Spielzeit mit viel Witz und Energie auf die Bühne. Die Premiere war mit 120 möglichen Gästen ausverkauft, Rainer Tietz und Johann Trede wurden für ihr langjähriges Engagement geehrt.

Übrigens: Auch auf der Bühne geht es coronagerecht zu, Abstände werden natürlich eingehalten und es wird fleissig desinfiziert. Und in der Schlussszene treffen Humor und Emanzipation zusammen. Lisa und Regina sitzen über die Kerle zu Gericht. Mit einem Fleischklopfer.

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